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Ulrich v. Löhneysen, Journalist

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Hintergrund: Musikscheiben (6. 2. 2004)


DVD-Audio/CD und SACD II:
Versäumnisse sind Chancen

"Die Musikindustrie hat es bis heute nicht verstanden, mit den unglaublichen technischen Möglichkeiten Geschäfte zu machen. Als vor 40 Jahren die ersten Transistoren aufkamen, haben HiFi-Hersteller diese Bauteile da eingesetzt, wo früher die Röhren saßen – statt die neuen Chancen zu nutzen. Entsprechend grotesk sahen die Geräte dann auch aus. So ähnlich verhält sich die Plattenbranche heute."
Sidney Harman auf der Funkausstellung 2003 in Berlin
Die Super-Discs: saubere Misserfolge
DVD-Audio: CD-Kompatibilität fehlt
SACD: Video vergessen
Zukunftsmusik: Blu-ray-Audio

Extra-Seite: DVD und CD gleichzeitig

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Die Super-Discs: saubere Misserfolge

Der Musikbranche geht es schlecht, so schlecht, dass man neuerdings DVD-Video-Scheiben in den Hitparaden führen muss. Zu lange hat man sich am Geldregen erfreut, der dank der CD über den Firmen niederging. Um einen Nachfolgestandard hat man sich nicht gekümmert, sondern die Hardware-Hersteller ihr eigenes Süppchen kochen lassen. Und wie es nun mal deren Angewohnheit ist, haben die sich in heillosen Systemstreitereien verstrickt.
Zur Erinnerung: Es war die PC-Branche, die den DVD-Standard erzwang. Microsoft, Intel und Co. ließen 1995 die Parteien (SD gegen MMCD) unmissverständlich wissen, dass sie nur eine einheitliche Norm unterstützen würden. Das hat die Musikbranche versäumt, zumindest die unabhängigen Hersteller wie EMI, BMG und WEA (Warner und Sony sind ja parteiisch). Nun ist es zu spät: Keines der beiden neuen Systeme, Super-Audio-CD oder DVD-Audio, kann sich so richtig durchsetzen. Im Klartext: Beide sind ausgewachsene Misserfolge, die von den jeweiligen Unterstützern mit viel Geld am Leben gehalten werden müssen. Jedes Jahr gibt es einen Neustart, ein "So, jetzt aber", doch keinen scheint es so richtig zu interessieren…
Jetzt soll’s die Technik richten. Denn bei SACD hat man versäumt, dem System vernünftige Multimedia-Fähigkeiten mitzugeben, vor allem in Sachen Musikvideo und sonstige Bildinformationen. Das System ist bisher als reines Tonmedium nutzbar. DVD-Audio kann immerhin auf einer Scheibe hochauflösende Tondaten mit Bildern, auch im DVD-Video-Standard, kombinieren. Daher gilt DVD-Video mittlerweile als Favorit der Musikbranche, was die Hoffnungen auf einen neuen Umsatzträger angeht.

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DVD-Audio: CD-Kompatibilität fehlt

Bei DVD-Audio hat man etwas Entscheidendes versäumt, nämlich die Kompatiblität mit der CD. Die ist der große Pluspunkt der SACD – denn viele Käufer gehen mit Editionen wie den Rolling Stones oder Pink Floyd in die Statistiken ein, auch wenn sie gar nicht wissen, dass sie eine SACD gekauft haben. Bei DVD-Audio wollte man diese Kompatibilität eigentlich gar nicht, denn das System sollte doch der CD-Nachfolger werden – und eine Erfinder von den entsprechenden Zahlungen befreien. Angesichts der Verkaufszahlen bei hybriden SACDs hat man sich doch eines Besseren besonnen und begonnen nachzubessern. Das ist freilich nicht so einfach. DVD-Audio-Player sind es nicht gewohnt, auf einer halbtransparenten Schicht nach ihrem Programm suchen zu müssen. Also fällt die Lösung aus, die man bei SACD einsetzt, nämlich CD und DVD von einer Seite lesen zu lassen. Solche DVD-Audios ließen sich zwar fertigen, wären aber mit den meisten heutigen Playern nicht abspielbar – oder nur als CD.
Packt man CD und DVD aber auf unterschiedliche Seiten, hat man ein anderes Problem: Die Disc wird zu dick. Die CD-Informationsschicht liegt auf 1,2 mm unter der Oberfläche, die DVD-Schicht 0,6 mm unter ihrer Seite – das macht zusammen 1,8 mm. Eine CD soll aber, wie eine DVD, nur 1,2 mm dick sein, als Maximum gelten laut Standard 1,5 mm. Dieses Format gibt es schon, und es funktioniert, auch wenn es weder eine richtige DVD noch eine richtige CD ist: die DVD-plus. Die gut verkaufte Scheibe mit dem Grönemeyer-Konzert "Stand der Dinge" ist so eine.
DVD-plus: Eine Kombination aus DVD und CD ist Grönemeyers "Stand der Dinge". Die etwas zu dicken Scheiben machen Probleme in Slot-in-Playern, etwa in Autoradios. Das gleiche Prinzip soll bei der Dual Disc angewendet werden.
Der Knackpunkt bei DVD-plus: Weil sie außerhalb der CD-Spezifikationen liegt, kann sie nicht als CD beworben werden. Dass sie auf etlichen Playern, etwa bei CD-Wechslern und Slot-in-Laufwerken wie in Autoradios üblich, Probleme macht, wäre nicht so tragisch; allzu viele Geräte hat die DVD-plus bisher sicher nicht ruiniert. Die Musikbranche verkauft schließlich genug Scheiben, die dank Kopierschutz außerhalb jedes Standards liegen. Also muss man versuchen, die Disc etwas auszudünnen, ohne dass die Kompatibilität leidet. Sonopress als der einzige DVD-plus-Hersteller hat das schon bis auf rund 1,6 mm geschafft. Allerdings musste man dafür Laufzeit opfern, statt 74 Minuten enthält die CD-Seite nur 60 Minuten.
Verschiedene Strategien sollen es nun noch dünner hinbekommen. Warner Music will dank einer Erfindung von Sony, wahrscheinlich der Media Division, also den Disc- und Tape-Herstellern, eine DVD/CD mit 1,48 mm möglich machen – eine Scheibe also, die man gleichermaßen als CD wie als DVD-Audio bewerben kann. Der Trick liegt darin, Material zu finden, das einen höheren Brechungsindex aufweist. Damit lässt sich der Effekt der dünneren Substratschicht ausgleichen. Stefan Schreiber, Musiker aus Lissabon und Spezialist für optische Scheiben, hat ebenfalls einen Ansatz ausgearbeitet, mit dem es funktionieren sollte. Er wird hier erstmalig vorgestellt (siehe Extra-Seite "DVD und CD gleichzeitig"). Mit dem dort beschriebenen Verfahren, so ist sich Schreiber sicher, könnte eine DVD gefertigt werden, die gleichzeitig auch eine CD ist – und zwar eine echte, was bisher bei Warner und anderen Firmen nicht der Fall zu sein scheint.
Zumindest will Warner nun einen neuen Anlauf nehmen. In dieser Woche hat die Firma auf Testmärkten in USA (Boston und Seattle) Scheiben veröffentlichen, die "Dual Disc" heißen sollen – auch wenn sich Warner früher schon mal verpflichtet hat, den Namen DVD-plus zu verwenden. Vom Marketing her wäre DVD-plus aber genau der falsche Weg, es sollte eher eine CD-plus sein. Die natürlich im CD-Regal steht.
Auf den Testmärkten will man heraus finden, ob sich die Reklamationen im üblichen Rahmen halten. Das deutet darauf hin, dass man sich möglicherweise doch außerhalb der Spezifikationen befindet. Da sind die Risiken groß, bei eventuellen Schäden an Abspielgeräten haftbar gemacht zu werden.
Aus diesem Grund hat sich bisher auch das DVD-Forum geweigert, eine CD-DVD-Kombi zu standardisieren. Zudem scheint sich die Sachlage nur langsam bei manchen Firmen herumzusprechen; noch im Herbst lehnte der eine oder andere DVD-Audio-Vertreter die CD-Kompatibilität als "Weg in die Vergangenheit" ab. Die Musikbranche scheint in ihrer Not schon weiter zu sein: Erste Veröffentlichungen mit zwei Discs, CD und DVD-Audio getrennt, sind in Planung – allen Bedenken zum Trotz. Wenn Warner positive Erfahrungen mit der kombinierten DVD-CD sammelt, wollen auch andere Plattenfirmen nachziehen. Selbst Sony Music (dann gemeinsam mit BMG) möchte dieses Discformat benutzen – allerdings für CDs kombiniert mit DVD-Videomaterial und interaktiven Features.

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SACD: Video vergessen

Als SACD II geistert seit einiger Zeit ein System durch diverse Internet-Foren. Es soll angeblich zum bisher vorhandenen Einbit-Ton (Direct Stream Digital) auch Video und ein verbessertes Rechtemanagement einschließlich Kopierschutz aufweisen. Denn die Einbindung von bewegten Bildern hat man bei der Definition des Standards verpasst. Das stellt sich immer mehr als Problem heraus, denn heute ist auch Musik mit Bildern verbunden. Von interaktiven Features, Web-Links, Spielen und mehr gar nicht zu reden. All das könnte SACD II bringen.
Aber wie kann die Einbindung von Videosignalen aussehen? Man müsste, will man den Namen weiterverwenden, mit Sicherheit kompatibel zu heutigen SACD-Playern sein. Gleichzeitig ebenfalls mit DVD-Video kompatibel zu sein, wäre ideal. Doch das geht nur mit einer Scheibe zum Umdrehen, auf der mal SACD, mal DVD-Video und/oder DVD-Audio untergebracht sind (zu Details siehe den Vorschlag von Stefan Schreiber, hier erstmals veröffentlicht am 8. 1. 2003).
Doch so weit werden sich Sony und Philips nicht auf das DVD-Audio-Lager zu bewegen wollen – wo man doch bessere Karten zu haben glaubt. Wie also könnte man dann Video unterbringen? Eigentlich ist der Platz auf einer SACD bereits vollständig von Tondaten belegt, in Stereo und dann nochmal in sechs Kanälen. Anders als bei DVD-Audio, wo der Downmix auf Stereo durch die MLP-Kompression geregelt wird, braucht Mehrkanal-SACD immer beide Versionen. Sonst wären die Scheiben nicht mehr mit Stereowiedergabe kompatibel. Die Sechskanal-Spuren könnte man für Video opfern, doch dann fällt die SACD wieder gegenüber DVD-Audio zurück. Aber man könnte den Ton etwas im Übertragungsbereich einschränken, dann blieben die Scheiben lauffähig auf heutigen Playern. Man gewinnt damit vielleicht nicht den Platz, den man für DVD-Video braucht. Doch wenn man ohnehin nicht mit solchen Playern kompatibel werden kann, lässt sich ja auch ein effizienteres Codierungsverfahren einsetzen, das mit vielleicht 1,5 Mbit/s auskommt. Als da wäre H.264, auch bekannt als Advanced Video Codec im MPEG-4-System. Dieses Verfahren ist bekanntlich Kandidat für HDTV auf zukünftigen DVDs, eignet sich aber genau so gut für Standard-Auflösung – mit entsprechend niedrigeren Datenraten als MPEG-2. Sony hat kürzlich sogar bekannt gegeben, in der tragbaren Playstation (PSP) ebenfalls H.264 einbauen zu wollen, und das sicher nicht für HDTV unterwegs. Nimmt man also DSD-Ton wie auf der SACD, addiert H.264 für Video und ein verbessertes Rechtemanagement, ist man schon bei einer Art Vorwegnahme eines möglichen HDTV-DVD-Standards (siehe Meldung vom 25. 1. 2003). So ergäbe die Spekulation über SACD II plötzlich Sinn.
Wie löst man nun das Video-Problem bei SACD? Ich denke: Gar nicht, denn die Kombination mit DVD-Video/Audio ist unter Sony-Würde; und H.264 birgt zu viele Risiken, schließlich will Sony diesen Standard auf Blu-ray-Disc oder HD-DVD (AOD) verhindern. Wahrscheinlich kommen die Spekulationen über SACD II von der intern unterlegenen Fraktion, die auf dem Umweg über die Öffentlichkeit noch gewinnen will. Zumindest wird man abwarten wollen, ob und wie sich die SACD wirklich etabliert; dann kann man ja in drei oder fünf Jahren doch noch die SACD II einführen.

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Zukunftsmusik: Blu-ray-Audio

Sicherlich streben Sony und Philips an, den Einbit-Standard auch für die Tonaufnahme zu etablieren; hier wäre die Blu-ray-Disc der ideale Träger, weil man dann sogar auf die bei DSD vorgesehene Datenreduktion verzichten könnte. Dass es Blu-ray-Disc für Musik geben soll, ist bereits beschlossene Sache. Die Gruppe der Gründer (Webseite Blu-raydisc.info) verhandelt bereits über Details.
Panasonic und Co., obwohl selbst Teil der Blu-ray-Gruppe, kann das nicht schmecken, hat man doch selbst DVD-Audio-Recording (siehe Spezialthema vom 20. 12. 2002) entwickelt. Doch nicht einmal Panasonic traut sich mit Produkten dieser Art an die Öffentlichkeit; jetzt soll erst einmal das DVD-Audio-Recording- mit den DVD-Video-Recording-Format vereinigt werden – und das kann dauern, denn dafür ist natürlich das DVD-Forum zuständig.
Auf einer Blu-ray-Disc hätte man allen Platz dieser Welt für Musik. Es ließe sich zum Beispiel nicht nur Sechs- oder Achtkanal-Ton speichern, man könnte alle Tonkanäle wie in Studio auf die Scheibe bringen – 48 oder mehr. Es wäre dann nur zu regeln, wie daraus dann die Wiedergabe mit zwei, vier, sechs oder mehr Boxen errechnet werden kann. Und auf lange Sicht hätte man schon den idealen Träger für die Klangfeld-Synthese, das jetzt Iosono genannte Audiosystem von Karlheinz Brandenburg und Kollegen aus Ilmenau (siehe Meldung vom 20. 2. 2003).
Aber das ist Zukunftsmusik. Erst einmal gilt es zu sehen, ob es überhaupt gelingt, einen Markt für hochauflösende, mehrkanalige Musik zu etablieren.


Kalrheinz Brandenburg: Ein Musiksystem, das mit 48 Kanälen und mehr arbeitet, braucht einen Träger mit viel Platz – die Blu-ray-Disc etwa.

Hört denn die ganze Welt nur noch dynamikreduzierte Klangteppiche? (6. 2. 2004)

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