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Ulrich v. Löhneysen, Journalist

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Hintergrund

80 Stunden Musik:
Aufnehmen auf DVD-Audio


Wer meinte, es gäbe schon genügend DVD-Standards, der irrt. Einer hat noch arg gefehlt: eine Norm für die Musikaufnahme auf DVD. (20. 12. 2002)


Der Standard und sein Stand
Für die Aufnahme: acht Normen
Offene Fragen: Anschlüsse und Kopierschutz
Keine Festlegung: der DVD-Typ
Und die Konkurrenz? Einbit-Aufnahmen
Ein Fazit: DVD-Audio-Recording

Es ist, wie fast immer bei der Frage nach neuen Standards, ein Kampf um Lizenzen und Patente. Zur Erinnerung: Sony und Philips haben die CD erfunden, alle anderen zahlen (mehr oder weniger – auch Thomson und Pioneer haben ein paar Lizenzen drin). Der Rest der Industrie hätte also gern ein anderen Verfahren für Tonaufzeichnung und Speicherung.

Der Standard und sein Stand. Schon im Januar 2003 soll der Standard für DVD-Audio-Recorder vorliegen. Die Version 0.9 enthält einige interessante Ansätze, die für Aufregung in der Musikbranche sorgen könnten. Denn der Standard geht weit über das hinaus, was DVD-Audio sein will. DVD-Audio-Recording (DVD-AR) erlaubt es, die ganze Fülle der Möglichkeiten auszunutzen, die mit der Datenmenge einer DVD offen stehen. Und das heißt nicht nur höchste Qualität und Mehrkanal-Fähigkeit wie bei DVD-Audio, das sind auch extrem lange Spielzeiten: Bis zu 80 Stunden Musik sollen auf eine Scheibe passen, also rund dreieinhalb Tage.
Insofern ist eine Korrektur der Meldung vom 6. 10. 2002 vonnöten: Verpflichtend ist PCM, soweit war die Information richtig; aber nicht auf der Disc, nur in den Geräten. Sprich: Jeder DVD-A-Recorder muss PCM in beiden Varianten (Linear PCM unkomprimiert und Packaged PCM, also mit MLP komprimiert) aufnehmen und wiedergeben können. Aber auf der Scheibe können diverse Standards verwendet werden, neben den beiden PCM-Formaten noch sechs verlustbehaftete Standards.

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Für die Aufnahme: acht Normen. Im Einzelnen sind vorgesehen:
Norm
Samplingrate (kHz)
Kanäle
max. Datenrate
LPCM
44-192
6/2
9,6 Mbit/s
PPCM
44-192
6/2
9,6 Mbit/s
Dolby Digital
44, 48
6
448 kbit/s
DTS
44-192
6/2
3,01 Mbit/s
MPEG-1/-2 Layer2
44, 48
6
384/ 912 kbit/s
Atrac3
44, 48
6
750 kbit/s
MP3pro
44, 48
2
320 kbit/s
AAC
44-96
6
1,5 Mbit/s

Dazu muss man einiges erläutern:
-Bei PCM sind nur zwei Kanäle möglich, wenn mit den beiden höchsten Samplingraten gearbeitet wird, nämlich mit 176 und 192 kHz; ansonsten sind immer sechs Kanäle machbar. Ob alle Formate auch immer mit 24 Bit gefahren werden können, ist eher unwahrscheinlich; zumindest bei unkomprimiertem PCM kommt man da an die Grenzen der Datenrate.
-Bei DTS fällt auf, dass hier ebenfalls 192 kHz vorgesehen sind; bisher wurde diese Frequenz noch nicht verwendet, sondern maximal 96 kHz bei 24 Bit (siehe Meldung vom
5. 10. 2001). In offiziellen Papieren taucht es schon auf, allerdings mit Datenraten von 1,411 Mbit/s, also entsprechend der CD. Wofür man aber mehr als 3 Mbit/s einsetzen will, bleibt das Rätsel der "Coherent Acoustics"-Erfinder.
-Der Layer2 von MPEG-Audio ist allgemein bekannt, als der ehemalige Pflichtstandard auf Euro-DVDs und von der digitalen Fernsehnorm DVB; dass hier noch jemand Encoder für sechs Kanäle bauen wird, nachdem die Norm genau daran gescheitert ist, erscheint unwahrscheinlich. Der einzige Unterschied zwischen MPEG-1 und MPEG-2 ist die höhere Datenrate der Nummer zwei.
-Atrac3 ist die Norm der Longplay-Minidisc, die in Japan sehr erfolgreich ist; insofern ist es erstmal keine große Überraschung, sie hier wiederzufinden. Man fragt sich allerdings, wer hier die Lobby dafür war, nachdem Sony bekanntlich mit der DVD-Audio nichts am Hut hat. Dass mit Atrac auch Mehrkanal aufgenommen wird, ist ebenfalls neu – oder auch nicht ganz: Das Kinoton-System von Sony, SDDS genannt, benutzt ebenfalls Atrac, allerdings nicht in der neusten Variante.
-MP3pro schließt auch immer MP3 mit ein, denn die Norm ist abwärtskompatibel. Mit ihr sind die niedrigsten Datenraten realisierbar, etwa 96 kbit/s. Als einziges Verfahren sind immer nur zwei Kanäle eingeplant.
-AAC als die Weiterentwicklung von MPEG-2-Audio ist Pflicht in Japan, weil die Norm des digitalen Fernsehens. Neben DTS ist es die einzige Norm mit mehr als 48 kHz.
Bei all diesen Normen muss man freilich anmerken: Auch auf DVD-Video wurde eine Kennung für SDDS reserviert, nur genutzt hat sie bislang niemand, nicht Hardware, nicht Software. Ähnlich wird es vielen der hier genannten Formate gehen. Denn Mehrkanal-Encoder für den Consumer-Bereich gibt es noch gar nicht und die Frage ist auch, ob es sie jemals geben wird. Der Normalfall wird weiterhin Stereo sein, in Dolby Digital, in MPEG, vielleicht auch AAC.

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Offene Fragen: Anschlüsse und Kopierschutz. Zum heiklen Thema Anschlüsse und Kopierschutz liegen noch wenig Informationen vor. Es stellt sich zum Beispiel die Frage, ob man mit einem solchen Recorder eine Digitalkopie von einem Konzertvideo mit DTS-Ton ziehen kann; in diesem Fall würde ich eher auf Nein tippen. Oder ob man über die analogen Eingänge eine Kopie von einer DVD-Audio ziehen kann; auch hier eher Nein, denn Watermarking ist bereits heute Standard, selbst wenn es nicht alle Anbieter nutzen.
Eines soll aber möglich sein: Von einem Stück oder einer Disc, die man bereits besitzt, eine Version in einem anderen Format anzufertigen. Wer zum Beispiel eine Aufnahme in AAC vorliegen hat, die aber auf einem anderen Player nicht hören kann, weil der dieses Format nicht unterstützt, kann auf der gleichen Disc eine Version in PCM anlegen. Dank geringer Datenrate von AAC geht das ohne Probleme, selbst wenn das Laufwerk nur einfache Lese-Schreibgeschwindigkeit unterstützen sollte (was unwahrscheinlich ist).
Auch nicht eindeutig beantwortet ist die Frage, ob die PCM-Versionen kompatibel mit heutigen DVD-Audio-Abspielern sein werden. Hier deutet einiges eher auf Ja hin – mit kleinen Einschränkungen, über die im nächsten Absatz zu reden ist. Eine Kompatibilität zu DVD-Video-Playern ist dagegen nicht zu erwarten.

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Keine Festlegung: der DVD-Typ. Zum Typ der Disc liegen ebenfalls keine Angabe vor. Das ist insofern kein Wunder, als es sich ja um einen Software-Standard handelt, genau wie das Video-Recording-Format, das bekanntlich auf DVD-RW genau wie auf DVD-RAM eingesetzt wird. Genau diese beiden Formate werden für DVD-AR zur Diskussion stehen; schließlich zeigen die DVD+RW-Befürworter Sony und Philips der DVD-Audio die kalte Schulter. Die Verwendung von DVD-R dürfte ebenfalls angedacht sein.
Besonders interessant ist bei dieser Audio-DVD das Acht-Zentimeter-Format (verwendet etwa in den Hitachi-Camcordern oder dem Nintendo Gamecube, siehe
4. 9. 2000). Damit lassen sich wunderbar kleine tragbare Player bauen, eine Alternative zur Minidisc, bei der Panasonic, JVC und Co immer Lizenzen an Sony und Sharp zahlen müssen. Vorausgesetzt, dass man für DVD-AR die DVD-RAM einsetzt.
In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass Panasonic eine Uralt-Strategie wieder hervor holt, nämlich die RAM-Kompatibilität aller DVD-Player (siehe Meldung vom 28. 8. 1999). In einer Präsentation zum Thema DVD-Recording sagt die Firma eindeutig, man werde das nach und nach verwirklichen. Wenn man DVD-AR als ein Medium sieht, das mittelfristig die meisten Musik-Aufnahmemedien ersetzen könnte, bekommt diese Strategie neue Bedeutung. Ein Modell wie der Panasonic DVD-RA82, der sowohl DVD-Audio als auch DVD-RAM wiedergibt, wäre also das Modell der Zukunft – zumindest bei Panasonic und JVC, den beiden wichtigsten Befürwortern des DVD-AR-Standards (und der DVD-RAM-Scheibe). Pioneer, Yamaha, Denon und einige andere aus der HiFi-Ecke werden sicher ebenfalls mit von der Partie sein, wahrscheinlich aber eher mit Audio-Recording auf DVD-RW.
Eine zukunftsträchttige Geräte-Kombination wird auch in diesem Fall der DVD-Brenner zusammen mit einer Harddisc sein. Die Festplatte als Massenspeicher in der Anlage zu Hause, die Disc als das transportable Medium für unterwegs und als Archiv – das klingt sinnvoll. Mit einer DVD-RAM wäre das Brennen auch viel einfacher als mit einer CD.

Panasonic DVD-RA82: Er könnte das Vorbild für
zukünftige DVD-Player sein, die auch DVD-AR wieder-
geben – auch von DVD-RAM..

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Und die Konkurrenz? Einbit-Recording. Kann man vielleicht auch Super-Audio-CDs selbst aufnehmen? Ja sagt Pioneer, und hat es im November auf einer Konferenz für Einbit-Technologie demonstriert. Allerdings nicht mit dem DSD-Verfahren, das auf der SA-CD verwendet wird, sondern einer speziellen, nicht komprimierten Version. Weil man dann weniger Raum auf der Disc hat, sind einige Abstriche nötig. So kann man nicht nur mit dem SA-CD-Standard von 2,8 MHz aufzeichnen, sondern auch mit halber Qualität, sprich 1,4 MHz. Und sechs Kanäle sind auch nicht vorgesehen, sondern nur zwei oder vier. Den meisten Musikfreunden reicht das.
Von Sony, Philips und Sharp, den eigentlichen Fürsprechern des Einbit-Verfahrens sind derartige Vorstöße nicht bekannt. Mir zumindest nicht. Theoretisch geht es jedenfalls. Doch das große Problem der Einbit-Technik ist die Verarbeitung, etwa die Korrektur von Aufnahmefehlern und Störungen oder die absichtliche Klangveränderung. Das geht mit PCM-Technik viel einfacher.

Einbit-Recording: Pioneer führte seine Entwicklung auf
einer Konferenz im Herbst vor. Verwendet wurde ein leicht
modifizierter DV-747A. (Foto: Nikkei)

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Ein Fazit: Die DVD-Audio als Aufnahmemedium könnte in der Musik eine große Rolle spielen. Denn sie macht die Musikaufnahme in höchster Qualität sehr viel einfacher. Denn welches Medium bietet jetzt schon sechs Kanäle in höchster Auflösung? Für viele kleinere Studios wäre das sicher eine Pflicht-Anschaffung.
Und es wäre auch ein Schub für DVD-Audio. Wenn schon der Nachschub an vorbespielten Titeln weiterhin lahmt, dann könnte man wenigstens eigene Aufnahmen in diesen Playern abspielen. In der Handhabung wird ein DVD-Audio-Recorder mit DVD-RAM jedenfalls sehr viel einfacher zu handhaben sein als ein CD-Recorder. Zudem kann man mit DVD-AR auch Zusatzinformationen abspeichern, vom Songtitel bis hin zu einfachen Pictogrammen.
Blöd ist nur wiederum, dass das DVD-AR-Format wiederum nur von einem Teil der Branche unterstützt wird. Sony hält an der Minidisc fest, so lange bis der Memory Stick genug Kapazität hat. Philips hat sowieso keine Aktien in der Audio-Branche (sieht man mal von dem geringen Anteil an der Denon-Marantz-Holding ab). Pioneer tanzt wie immer auf beiden Hochzeiten und freut sich darüber.

An dieser Stelle noch die Aufklärung auf die Frage vom 6. 10. 2002: Wofür braucht man DVD-Video auf DVD-RAM, den Standard, der kürzlich von DVD-Forum verabschiedet wurde? Man braucht ihn, weil etliche DVD-Brenner für PCs die RAM-Scheiben lesen können, weil es aber keinen Software-Player gibt, die mit dem Video-Recording-Format klar kommen. (20. 12. 2002)

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