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Ulrich v. Löhneysen, Journalist

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Hintergrund

Die Rettung?
Grundig und die Tsingtau-Connection

Weil Produkte nicht alles sind, sondern auch Menschen dazu gehören und die Firmen, in denen sie arbeiten: Die Frage, was aus Grundig wird, scheint noch nicht entschieden – aber es deutet eine Menge in Richtung China. Warum und was davon zu halten ist, im Folgenden. Eine vorläufige Bestandsaufnehme der Investorensuche. (7. 11. 2002)

Die Vorgeschichte: Nach dem Ausstieg von Philips
Eine Atempause: Kasse machen, abstoßen
Mögliche Investoren: Wer ist im Spiel?
Sampo und Haier: Mehr als Bier aus Qingdao
Die Kooperation: Wer hat was davon?

Die Chinesen kommen. Noch nicht einmal Kinder kann man damit mehr erschrecken. Aber komisch mutet es doch an, dass Firmen aus der Volksrepublik bei deutschen Traditionsunternehmen einsteigen. Aber man wird sich daran gewöhnen.

Wird dieser Mann demnächst maßgeblichen Einfluss-
auf den deutschen Marktführer bei Fernsehern haben?
Zhang Ruimin, Boss von Haier in Qingdao, gilt als
chinesisches Management-Genie


Die Vorgeschichte: Im Frühjahr war es die bange Frage: Wird Grundig den Sommer überleben? Im Sommer war klar: Bis zur Bundestagswahl passiert nichts. Und kurz vor dem 22. September 2002, der Bundestagswahl, präsentierte Grundig die Rettung: Ein strategischer Investor sei gefunden, die Bankkredite verlängert und das Überleben gesichert. Ein asiatischer Investor wolle einsteigen und der bayerische Wirtschaftsminister bezeugte es – er war dabei, als der "Letter of Intent", also die Absichtserklärung, unterzeichnet wurde.
Was hat, mag man sich fragen, eigentlich die Politik mit Grundig zu tun? Schaut man sich die Entwicklung der Firma Grundig seit der Trennung von Philips näher an, wird das klar. Nachdem die Holländer nicht mehr zahlen mochten, hatte nämlich das bayerische Wirtschaftsministerium ein Konsortium gezimmert, dem etliche bayerische Banken und auch der heutige Mehrheitseigner Anton Kathrein angehörten. Die Banken haben sich aus dem Eigenkapital bei Grundig verabschiedet, nachdem Kathrein sich bereit erklärt hatte, die unternehmerische Führung zu übernehmen. Aber natürlich sind sie noch die maßgeblichen Geldgeber. Und sie hatten sich verständigt, so hörte man, dem Kanzlerkandidaten Edmund St. auf keinen Fall ein weiteres ökonomisches Desaster kurz vor den Wahlen bescheren zu wollen – nach Kirch, Schneider, Maxhütte, Dornier ... Nordbayern ist ohnehin die offene Flanke des Wirtschaftswundermannes Stoiber (ich darf das sagen, ich bin von dort).

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Eine Atempause über die Sommermonate verschaffte zudem, wenn auch nur für kurze Zeit, der Verkauf von Unternehmensteilen. Abgegeben werden beziehungsweise wurden:
- Das Werk in Wales, in den Set-top-Boxen, Decoder für Pay-TV und DVD-Player gebaut werden (siehe Meldung vom 2. 10. 2000), an Thomson;
- Die Entwicklergruppe in San José, USA, ebenfalls an Thomson;
- Eine Minderheitsbeteiligung an der Autoradio-Abteilung, genannt Car Intermedia Systems, an Fujitsu Ten.
- Die Bürosparte, vor allem Diktiergeräte, sollten verkauft werden, doch das hat sich vorerst zerschlagen.
Im September musste also ein Investor gefunden werden, der maximal 49 Prozent des Grundig-Kapitals von Anton Kathrein übernimmt. Das Handelsblatt hat schon vor einiger Zeit gemeldet, bei amerikanischen und japanischen Firmen werden Grundig "wie eine heiße Kartoffel" herumgereicht, an der sich niemand die Finger verbrennen wolle (siehe auch Meldung vom 27. 6. 2001). Die Wunschkandidaten von Anton Kathrein haben wohl alle abgewunken, also die Firmen mit Kompetenz in der Grundlagenentwicklung und bei Basiskomponenten wie Chips. Um hier aussichtsreiche Partnerschaften einzugehen, ist es schon gut drei bis fünf Jahre zu spät: Grundig ist nicht mehr attraktiv genug. Die großen Companies in Japan haben selbst ordentlich Probleme, denn auch dort, so schätzt man, werden nicht mehr als drei oder vier Hersteller als klassische Vollsortimenter der Unterhaltungselektronik überleben. Sony und Panasonic sind in Europa bereits stark vertreten und brauchen Grundig nicht, die anderen sind zu klein und/oder selbst in Schwierigkeiten.

Mögliche Investoren: Dass der Platow-Brief auch Samsung ins Spiel brachte, ist eine naheliegende Spekulation - aber wohl unzutreffend: Die Koreaner haben die Asien-Krise bestens gemeistert, haben die Kriegskasse voll und sind führend bei der Bildschirm-Herstellung von Röhren über LCDs bis Plasma (demnächst). Aber: Klares Ziel der Firma, weltweit, ist die Etablierung des eigenen Markennamens. Und zwar ganz oben, neben Sony oder so. Was sollte da Grundig bringen?
Von der FAZ und anderen Zeitungen wurde auf Beko getippt, den türkischen Hersteller von kleineren TV-Geräten, mit dem die Franken kürzlich eine längerfristige Kooperation vereinbart haben – nachdem sich die Produktion der Kleingeräte am teuren Standort Nürnberg beim besten Willen nicht mehr halten ließ. Doch die Türken haben außer niedrigen Produktionskosten eigentlich gar nichts zu bieten, und wahrscheinlich auch nicht genug Geld.
Dass die Suche in Richtung China ging, ist belegt durch Reisetätigkeit wichtiger Manager. Von einem potenziellen Partner mit viel Geld, verdient vor allem durch Weiße Ware, also Hausgeräten, war die Rede. China gilt sowieso, wie Leser dieser Seiten längst wissen, als das Land der Zukunft in der Unterhaltungselektronik. Firmen wie TCL oder VDDV könnten durchaus Interesse an Partnerschaften in Europa haben, um sich Märkte zu erschließen einerseits und um PAL-Technologie zu erwerben, die auf ihrem Heimatmarkt wichtig ist. TCL ist nun bei Schneider eingestiegen.

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Sampo und Haier: Bei Grundig soll der "Letter of Intent" , so wollen die Nürnberger Nachrichten aus sicherer Quelle erfahren haben, mit Sampo in Taiwan geschlossen worden sein. Auch diese Firma wurde auf loehneysen.de schon öfters erwähnt, allerdings im Zusammenhang mit exklusiven Produkten wie Progressive-Scan-DVD-Playern und HDTV-Fernsehern. Vom Bild des Wunschkandidaten, wie es Anton Kathrein einst zeichnete, ist Sampo aber weit entfernt. Denn solche Produkte waren keineswegs technologische Eigenleistung, sondern geschickte Kombination amerikanischer Chips mit japanischen Standard-Bauteilen. Allerdings jeweils neuester Bauart. Doch um einen signifikanten Anteil an Grundig zu übernehmen, dafür ist die Firma eigentlich zu klein. Hinter vorgehaltener Hand hört man inzwischen die Ansicht, Sampo sei nur vorgeschoben, weil man eben bis Ende September den Banken einen Partner habe präsentieren müssen.
Wer steht also dahinter? Es kann es sich eigentlich nur um Haier handeln. Diese Firma ist viert- oder fünftgrößter Exporteur Chinas (der Volksrepublik wohlgemerkt, und die exportiert viel), rund 420 Dollar im letzten Jahr; Gruppenumsatz rund acht Milliarden Euro. Die Haier-Gruppe entstand etwa 1985, so entnehme ich der Firmenbeschreibung, durch die Übernahme einer Kühlschrank-Produktion aus Deutschland, die angeblich von einer Firma namens Liberhaier stammte. Dabei handelt es sich um Liebherr, verunstaltet bei der Übersetzung in chinesische Schrift und zurück – egal, daher der Name, auch wenn die Firma das heute bestreitet. Anfangs hieß die Firma Qindao Liberhaier, doch dann verbot das chinesische Namensrecht die Verwendung von Ortsnamen und man verkürzte auf Haier. Wobei Haier korrekterweise in Qingdao zu Hause ist, bekannt für das chinesische Oktoberfest, sein Bier und als Hauptstadt des deutschen Pachtbezirks in China bis 1914 unter dem Namen Tsingtau. Haier ist Nummer zwei weltweit bei Kühlschränken, baut Weinkühler, Waschmaschinen, Telefone, Computer und was sonst noch alles an der Steckdose hängt, Fernseher zum Beispiel.

Seit August 2002 kooperieren die Firman Haier und Obi bei
der Einrichtung von Baumärkten in China.

Haier expandiert zurzeit aggressiv. Allein in USA will die Gruppe in drei Jahren rund eine Milliarde Dollar umsetzen; Verkaufsflächen bei Wal Mart und Best Buy sind angemietet, eine eigene Fabrik läuft bereits. In Richtung Taiwan und Japan hat sich Haier geöffnet, und zwar durch Verträge mit Sanyo und – richtig – Sampo; nicht bestätigen ließen sich Meldungen, dass Haier sogar kapitalmäßig bei Sampo eingestiegen ist. Insofern bleibt nur Europa als weißer Fleck; bei Media Markt tauchen schon erste Kühlschränke dieses Namens auf, gefertigt wahrscheinlich im italienischen Modena, wo Haier eine Fabrik von Menghetti SpA kaufte. Dann hat Haier ein Kooperationsabkommen mit Obi (Tengelmann-Gruppe) geschlossen, das die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft vorsieht; Unternehmenszweck ist der Betrieb von Heimwerker-Märkten in China selbst, vier sind schon installiert – bis 2012 sollen es 100 Märkte werden, betrieben im Franchise-System. In jedem Markt gibt es einen Haier-Shop, in dem die Produkte der Firma verkauft werden, exklusiv.

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Die Kooperation: Könnte Grundig Haier etwas bringen? Teilweise schon, denn die Vertriebsstrukturen der so genannten Weißen Ware, also von Hausgeräten, sind immer noch weitgehend identisch mit denen von Brauner Ware, also von Unterhaltungselektronik. Wer eine solche Struktur braucht, und sei es für Kühlschränke, findet sie bei Grundig – der Vertrieb gilt als Vorzeigeabteilung der Franken. Auf der anderen Seite ist Haier auch ins Fernseher-Geschäft eingestiegen, wo die PAL-Spezialisten aus Nürnberg die idealen Entwicklungshelfer wären. Bisher kooperiert man nämlich in diesem Sektor mit LG Electronics aus Korea.

Fernseher baut Haier auch, in technischer
Zusammenarbeit mit LG aus Korea. Doch
PAL-Know-how ist für die Chinesen wichtig.


Nach älteren Aussagen aus dem Vorstand ist der Investor, der von Anton Kathrein bis zu 49 Prozent der Grundig-Anteile übernehmen soll, nur ein Finanzinstitut – so hieß es vor dem "Letter of Intent". Dessen Engagement sei aber an die Kooperation mit einem Partner geknüpft, wahrscheinlich deswegen, weil die Bank selbst die Expansion dieses Partners finanziert. Auch das passt ins Bild: Haier betätigt sich, obwohl in Staatsbesitz (andere Quellen bezeichnen die Firma als börsennotiert), neuerdings im Versicherungsgeschäft. Ein Joint Venture mit einer chinesischen Gesellschaft schließt gemeinsame Unternehmen mit der Banque Paribas aus Frankreich ein, ein weiteres wird zusammen mit der New York Life Insurance geführt. Da könnte man doch Wege finden, eine Finanzinvestition in Nürnberg zum gegenseitigen Vorteil vorzunehmen. Die Vielzahl der Partner würde auch erklären, warum es mit einer offiziellen Bekanntgabe so lange dauert. Kollege Wolfgang Sandweg hat Ende Oktober beim offiziellen Start von Schneider als TCL-Tochter am 25. 10. gehört, dass die chinesische Generalkonsulin Yoa Yashen glaubt, man könne "schon bald ein weiteres chinesisches Unternehmen in Bayern begrüßen".
Aber sie hat ein "vielleicht" nachgeschoben. Denn noch scheint nichts unter Dach und Fach. Daher kann man nicht ausschließen, dass die Suche nach einem Partner doch noch scheitert. Der Name Grundig wird nicht verschwinden, auch wenn alles schief geht und die Banken Ende Dezember die Kredite kündigen. Doch das wären dann nur Produkte, auf die irgendwo das Namensschild geklebt wird, neben vielen anderen. Eine Partnerschaft mit Haier wäre gar nicht einmal das Schlechteste, was Grundig passieren kann.

Eine Anmerkung zu den Kollegen: Da hat die Financial Times Deutschland bei Sampo nachgefragt und eine Dementi erhalten – oder das, was man dafür halten kann: "Wir werden weder mit einem deutschen Unternehmen fusionieren, noch werden wir eines kaufen" (laut DPA vom 2. November). Selbst wenn alles bisher hier gesagte zutrifft, ist das aber kein Dementi, denn unter "kaufen" würde man eine Mehrheitsübernahme verstehen, und von Fusion ist sowieso nirgends die Rede gewesen. Und falls es jemand interessiert, was Haier sagt: "Haier does not schedule to work with this company", bekam ich als Antwort auf eine Anfrage, ob man eine Zusammenarbeit mit Grundig plane. Das kann ein Dementi sein, muss es aber nicht. Denn eine Zusammenarbeit wird man erst planen, wenn die finanziellen Rahmenbedingungen fixiert sind. Aus einem derartigen Statement aber zu folgern, Grundig sei mit der Partnersuche gescheitert, das ist mehr als unfair. Immerhin gibt es jetzt erstmalig seit etlichen Jahren bei Grundig eine konkrete Zukunftsstrategie und eine klare Ausrichtung.
Ich habe lange gezögert, diese Story online zu stellen, weil die Faktenlage dürftig ist. Wenn es nichts wird mit Haier und Grundig, haben Sie immerhin etwas über die Stadt Qingdao/Tsingtau und ihre Verbindungen nach Deutschland von Obi bis Oktoberfest erfahren. Und etwas über die Kühlschränke mit dem Markennamen Haier. Andererseits: Ich bin sicher, dass wir diesen Namen noch recht oft hören werden.

Links:
Haier-Homepage weltweit
Sampo in Taiwan
Grundig in Nürnberg-Langwasser

Ach ja: Es sage keiner, es läge an den hohen Steuern/Löhnen/Sozialabgaben/etc: 100 Kilometer nördlich von Nürnberg baut Loewe auch Fernseher und verdient gutes Geld damit. (7. 11. 2002)

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