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Ulrich v. Löhneysen, Journalist

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Hintergrund

HDTV statt analog: ein Premiere-Szenario

Vorbemerkung: Dies ist ausnahmsweise keine Meldung; sondern der Versuch zu skizzieren, dass HDTV, also Fernsehen in Kinoqualität, in Europa technisch und wirtschaftlich möglich wäre. Und zwar relativ kurzfristig bei Premiere World, wenn man nur wollte.

1. Die hochauflösenden Bildschirme sind vorhanden.
2. Die Übertragungswege sind da.
3. Die Empfangsgeräte lassen sich herstellen.
4. Das Programmangebot ist da, aber keiner kann es sehen.
5. Das Publikum ist bereit dafür und auch willens zu zahlen.
Und zum Schluss seien Sie doch so nett und beantworten mir
ein paar Fragen.

Zum Jahresende wird Premiere seine analoge Übertragung im Kabel ganz einstellen. Damit wird ein Kanal frei, mit dem man etwas Besseres anstellen könnte als den vierten Home-Shopping-Sender einzuspeisen: Premiere World könnte darauf HDTV übertragen. Ich behaupte jetzt nicht, dass das so sein wird. Aber ich will zeigen, dass es möglich wäre. Und dass Premiere World eine einmalige Chance verpassen würde. Das Thema HDTV oder "Fernsehen in Kinoqualität" krankt in Europa bekanntlich immer noch am gescheiterten Experiment mit der HD-MAC-Norm, die von 1987 bis 1992 entwickelt wurde und als Antwort auf Japans Muse-System gedacht war. Das ging schief, aber nicht wegen der Technik, sondern weil es die Bildschirme dafür nicht gab, auf denen man die Kinoqualität hätte sehen können. Seitdem wollen TV-Sender in Europa nichts mehr von HDTV wissen. In Japan ist man nun dabei, Muse durch die Digitalnorm ISDB zu ersetzen; in USA meldet die Consumer Electronics Association gerade die erste Million verkaufter Geräte für das kombinierte HDTV/DTV-System ATSC (wenn auch die Zahlen dort etwas schön gerechnet sind). Auf jeden Fall gäbe es genug Programmmaterial für HD auch in Deutschland. Die Hindernisse dagegen sind wesentlich geringer geworden:
1. Die hochauflösenden Bildschirme sind vorhanden. Das betrifft sowohl Rückprojektoren von 50 und 60 Zoll (darunter lohnt sich HDTV kaum) als auch Frontprojektoren. Ein Sony Grand Wega kann wesentlich höhere Auflösung darstellen als er vom Fernsehen heute geboten bekommt, er hat nur leider keine passenden Eingänge, was sich aber machen ließe. DLP-Rückpros von Panasonic oder Hitachi wären auch eine Option, selbst ein Röhrengerät käme in Frage, wenn die Lösung preiswerter sein soll. Ideal für HDTV ist aber natürlich ein richtiger Beamer (manche Leute sagen "Proki"), und der muss auch nicht so teuer sein. Nehmen wir das billigste Gerät mit XGA-Auflösung (1.024 mal 768 Pixel), den Sony VPL-CX1 für nicht einmal 6.000 Mark, setzen eine Isco-Linse für 16:9 davor und eine solide Leinwand - fertig ist das Display für weniger als 10.000 Mark, das wesentlich mehr kann als TV oder DVD heute liefern. Auch der Sony VW11HT (Nachfolger des VW10) wäre eine Option, genau wie jeder andere der neuen 16:9-Projektoren oder ein anderer XGA-Beamer mit 16:9-Vorsatzlinse. Von den vorhandenen 32-kHz-Röhrenprojektoren mal gar nicht zu reden. Alle diese Displays zeigen noch nicht das Maximum dessen, was in HDTV steckt; aber gefüttert mit solchen Sendungen sehen sie um Klassen besser aus als mit normalen PAL-Signalen. Clevere Hersteller von Projektoren oder Plasma-Displays wissen das und füttern selbst Geräte mit Standard-Auflösung mit solchen Bildern - und plötzlich sehen sie viel besser aus (fragen Sie daher bei einer Präsentation immer nach den Quellen!).

Der Davis Cinema Ten Pro: Der DLP-Projektor soll nächstes Jahr auch
in einer SXGA-Version (1.280x1.024) erscheinen; mit 16:9-Vorsatzlinse
wird daraus ein perfekter HDTV-Projektor.


2. Die Übertragungswege sind da. Einen zusätzlichen Transponder auf Astra zu bekommen, dürfte das geringste Problem sein; und wenn doch, dann nimmt man eben den durch Abschaltung des analogen Programms frei gewordenen Kanal. Im Kabel ist es etwas enger, aber wenn es ein Argument dafür gäbe, Premiere mehr Platz zu lassen, dann wäre das HDTV. Wie sonst sollte Europa in dieser Schlüsseltechnologie der Medienentwicklung (digitales Kino, 24p) mithalten können? Sowas zieht immer bei den Medienpolitikern, die über die Kabelplätze entscheiden.
3. Die Empfangsgeräte lassen sich herstellen. Panasonic überlegt (wie am 8. 11. 2000 gemeldet), Sat-Receiver mit HD-Decoder anzubieten; nachdem man bei der Kirch-Gruppe jetzt endlich weg ist vom Wahn, die Technik monopolisieren zu können, könnten die Hersteller doch das Wagnis eingehen: Es müssen ja nicht die ersten zwei Millionen Boxen sein, die man exklusiv herstellt (wie Nokia von der D-Box), 20.000 würden fürs Erste genügen, wenn sich Premiere zur Programmlieferung verpflichtet. Und was noch wichtig wäre: In eine solche Set-top-Box gehört eine Festplatte, am besten von 100 GB. Darauf ließen sich dann fünf Spielfilme oder zehn Stunden sonstiges HD-Material speichern. Das enthebt den Sender auch von der Verpflichtung, immer das passende Programm anbieten zu müssen. Sicher ist damit vor allem, dass immer etwas in HD gesehen werden kann, wenn dem Besitzer danach ist. Am besten macht man, wie die Marktforschen von Durlacher empfehlen, die Harddisc austauschbar, so dass man in drei Jahren eine 360-GB-Disc benutzen kann. Panasonic hat gerade ein Produktionsverfahren entwickelt, um die Sektorierung der Magnetplatten einer Harddisc von 15 Minuten auf wenige Sekunden zu drücken - da werden die Preise weiter purzeln.

Der Panasonic HMS1: Home Media Server wird die
Firma ihre Harddisc-Recorder nennen; er soll eine 80-GB-
Festplatte haben. Fehlen noch die HDTV-tauglichen
MPEG-Decoder und das entsprechende Premiere-Modul.


4. Das Programmangebot
ist da, aber keiner kann es sehen. Woher wohl kamen die 16:9-Abtastungen von "Star Wars", die Premiere kürzlich ausgestrahlt hat? Was ist die Basis für die besseren DVDs von Hollywood-Filmen? Was sendete NBC von den OIympischen Spielen in Atlanta, was wird NHK von der Fußball-WM in Japan und Korea anbieten? HDTV-Material ist überall auf der Welt reichlich vorhanden, und zwar keine Schrott-Inhalte, sondern Premium-Ware, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Inzwischen stellen immer mehr Sender ihren internationalen Programmaustausch auf HDTV um, und sogar in Deutschland gibt es genug TV-Produktionen, die heute schon mit HDTV-Equipment aufgezeichnet werden (etwa von den Dierks-Studios). Nehmen wir als Beispiel nur die kommende Fußball-WM: ARD und ZDF haben schon beim letzten Mal gezeigt, dass sie kein Interesse an einer Parallelausstrahlung haben (damals hätte es die Chance gegeben, 16:9 vom HDTV-Material über 3Sat zu senden), also könnte die Kirch-Gruppe das Material selbst verwenden. Live-Übertragungen zu nächtlicher Zeit hätten hier sogar den Vorteil, besonders Projektor-freundlich zu sein; und gleichzeitig würde das Konzept mit Harddisc im Empfänger das Anschauen des Spiels zu jedem beliebigen Zeitpunkt am folgenden Tag erlauben.
5. Das Publikum ist bereit dafür und auch willens zu zahlen. Ich sehen drei Zielgruppen, von denen die erste die klassischen Heimkino-Spezialisten sind, denen Bildqualität über alles geht. Die zweite Gruppe ist wohlhabend und technophil, egal ob Zahnarzt, Geschäftsführer oder Werbe-Kreativer. Und das dritte Segment wären Gaststätten, Hotels und andere Orte öffentlicher Vergnügung, wo man gern mal auf ein sportliches Ereignis zusammen kommt. Wie groß der senderseitige Aufwand für HDTV ist, kann ich schlecht abschätzen, ob und ab welcher Zuschauerzahl es sich rechnet, erst recht nicht. Aber ich weiß, dass Premiere dann wieder ganz vorne wäre - als den Sender schlechthin, wenn es um Qualität geht. Das war lange nicht so. Auch hätte die Geräteindustrie ein massives Interesse an einer neuen, teureren Generation von Fernsehern, so dass ich mir vorstellen könnte, dass sich die Branche dafür engagiert.

Und jetzt ein paar Fragen: Nicht dass ich hier eine repräsentative Umfrage durchführen will; ich hätte gern etwas mehr Feedback zu diesem Thema. Beantworten Sie mir doch bitte einige Punkte:
a) Haben Sie selbst schon HDTV gesehen, wenn ja, auf welchen Geräten, wo und wann?
b) Wen ja, wie war Ihr Eindruck?
c) Welchen Bildschirm oder Projektor nutzen Sie heute, und würden Sie für HD einen neuen, besseren anschaffen?
d) Sollte HDTV eher im Abo, also mit Monatsgebühr, oder als Pay-per-view angeboten werden?
Antworten per E-mail bitte hier. Wenn Sie nicht zitiert werden möchten, geben Sie das bitte ausdrücklich an. Und: Empfehlen Sie diese Seite weiter. Vielen Dank.
Nachbemerkung: Ich bin 1986 zum ersten Mal auf HDTV gekommen, und zwar im Heinrich-Hertz-Institut in Berlin. Damals schon wollte man dort mehr als 1.000 Zeilen progressiv abtasten, was man 2HDTV nannte (2H als Synonym dafür, dass man das Bild aus der zweifachen Höhe betrachten könne). Und ich habe HDTV, damals mit 1.250 analogen Zeilen, nicht nur gesehen, ich stand sogar vor der Kamera. Nur weiß ich leider nicht mehr, wo die Bilder davon geblieben sind.

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PS: Hanns-Joachim Friedrichs sagte einmal: "Ein Journalist soll sich nicht gemein machen mit einer Sache - auch nicht mit einer guten." Manchmal fällt es schwer.