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Ulrich v. Löhneysen, Journalist

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Hintergrund

Sony contra Microsoft: Der große Krach

Die ultimative Herausforderung der PC-Welt heißt Medienintegration. Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Web-Grafik – alles kalter Kaffee, keine echte Aufgabe für einen gelangweilten Gigahertz-Prozessor. Doch Video in Echtzeit komprimieren, Audio in höchster Qualität verarbeiten, Spiele berechnen, Medienarchive verwalten, da gehen die Festplatten in die Knie und die CPU gerät ins Stottern. Microsoft nimmt die Herausforderung an, trifft aber auf einen Platzhirsch namens Sony, der sein Terrain verteidigt. (29. 12. 2001)

1. Die Konfliktfelder von Musik bis Games.
2. Die Strategie von Microsoft.
3. Die Szenarien des Konflikts.

Dies ist die Geschichte von Schuhen, ihren Herstellern, Verkäufern und den Leuten, die Schuhe brauchen. Und dann war da noch die Firma, die Schuhlöffel herstellt.

Bill Gates: Die X-Box ist mehr als eine Spielekonsole, sie soll
eine "Entertainment Hub" werden – nur kauft niemand Hubs,
sondern Spiel und Spaß (Foto: CES 2001).


1. Mal waren sie Verbündete, mal Kontrahenten. Doch seit Microsoft seine Pläne mit der X-Box bekannt machte, war klar: Das kann nur auf einen Krach mit Sony hinaus laufen. Dabei ist es nicht einmal so, dass Microsoft hier angefangen hätte. Sony hat schließlich behauptet, ihre Playstation 2 sei ein echter Computer. Das war nicht nur eine Schutzbehauptung, um möglichst wenig Zoll bezahlen zu müssen (siehe Meldung vom 19. 11. 2000). Die PS2 hat alles, was ein echter Computer braucht, wenn auch ungehöriger Weise ganz ohne Windows.
Auf der anderen Seite Microsoft: Wenn PCs heute mit dem Alltagsgeschäft spielend klar kommen, wie will man den Nutzern ständig neue Programme und schnellere Rechnern verkaufen? Man muss immer neue Funktionen integrieren, und da ist das Letzte, was es noch zu digitalisieren gilt, die Mediennutzung. Filme oder Sport anschauen, Musik hören, Nachrichten lesen, sich amüsieren, dazu sollte der PC doch auch taugen, wenn man ihn weiter entwickelt. Nichts anderes macht Microsoft, was man der Firma kaum vorwerfen kann.
Musik ist eigentlich kein Konfliktfeld zwischen Sony und Microsoft, im Gegenteil: Die Internet-Plattform Pressplay, die Sony gemeinsam mit Vivendi Universal betreibt, setzt auf Windows Media, während der Rest der Branche Download lieber per Real Player im MusicNet sieht. Gemeinsamer Feind war in diesem Fall vor allem MP3, denn Sony hätte eigentlich lieber Atrac als Internet-Format durchgesetzt. Nachdem Partner Vivendi aber MP3.com gekauft hat und Sony aufgehört hat, das Internet nach seinen Vorstellung gestalten zu wollen, darf man gespannt sein, wie sich Pressplay gegenüber anderen Technologien als den Windows-eigenen verhalten wird. Man muss jedenfalls davon ausgehen, dass Sony Windows Media Audio (WMA) nicht in seine CD- oder DVD-Player integrieren wird, wie das einige andere Hersteller planen.
Fernsehen aufzeichnen auf die digitale Art, das tut Sony in Zusammenarbeit mit TiVo, dem Erfinder (zusammen mit Replay TV) und Markführer im Segment der Festplatten-Videorecorder (siehe dazu auch mein leicht betagtes Spezial). Sony ist an TiVo beteiligt und konkurriert hier direkt mit UltimateTV, dem Mich-auch-Produkt von Microsoft.
Die Vernetzung aller Geräte zur Information und Unterhaltung will Sony gemeinsam mit AOL und Nokia vorantreiben, hat Präsident Kunitake Ando auf der Comdex bekannt gegeben. Die eine Firma ist nun schon seit längerem über Kreuz mit Microsoft, aber führend in Internet-Zugang und Inhalten (Warner, Sie erinnern sich an den genialsten Deal des letzten Jahrtausends). Die andere Firma ist nicht unbedeutend bei der Vermittlungs-Infrastruktur, vor allem im mobilen Bereich, und wie alle Skandinavier notorisch unter Linux-Verdacht. Die Technik, auf die Sony im Wohnzimmer baut, heißt Havi (Home Audio Video Interoperability), während Microsoft stark auf die Universal-plug-and-play-Initiative (www.upnp.org) setzt und sich bereits als Sieger fühlt, weil der US-Herstellerverband die Norm als möglichen Standard akzeptiert hat.
Der Sony-Boss: Kunitake Ando schmiedet Bündnisse, etwa mit AOL Warner. Nokia, TiVo und anderen.
Den Spielfilm-Download treibt Sony in einer Allianz mit anderen Studios voran, darunter wiederum AOL Time Warner; nachdem diese Firma zuletzt wegen des Real-Players einen großen Streit mit Microsoft riskierte, darf man wohl kaum annehmen, dass hier Windows Media erste Wahl sein wird.
Als PC-Hersteller ist Sony ohne Zweifel der innovativste Anbieter, gerade erst mit dem Klapp-PC unter Beweis gestellt. Er besteht aus nicht viel mehr als LCD-Schirm und Tastatur, die in engen japanischen Büros oder Wohnungen hochgeklappt werden kann (Foto unten). Wie wenig man, auch wenn man darauf angewiesen ist, der Windows-Technologie traut, zeigt das Modell DMT-PR1, der erste Rechner aus der Bitplay-Serie, die speziell für die Medienverarbeitung konzipiert ist: Sony rät ausdrücklich davon ab, ihn für etwas anderes zu benutzen, damit Musik und Filme ungestört ablaufen.
Viel Stoff für Konflikte also, die alle um ein Thema kreisen: Welche Technologien und Standards werden zukünftig im Wohnzimmer zu Hause sein?


Sony Bitplay-Computer: Optimiert für die Medien-
wiedergabe, nicht geeignet für Datenbanken oder
Textverarbeitung.

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2. Die Strategie von Microsoft ist keine Überraschung: Das Wohnzimmer erobern will man dank der dominierenden Stellung im PC-Sektor, weshalb immer mehr Funktionen zur Medienwiedergabe oder Aufbereitung in die PCs und ihr Betriebssystem integriert werden. Die Krönung soll Mitte 2002 erfolgen, in Form von "Corona", der nächsten Generation von Windows Media. Mit Corona sollen wunderbare Dinge möglich werden, etwa die Speicherung und Wiedergabe von Tönen mit sechs Kanälen sowie 96 kHz und 24 Bit, also nahezu dem DVD-Audio-Standard. Bilder liefert Corona mit maximaler Auflösung von 1.280 mal 720 Pixeln in progressiver Abtastung (bei 24 Bildern pro Sekunde, bei 60 Hertz 720 mal 480).
Corona soll, so die Macher bei der ersten Vorstellung auf der Internet-World-Konferenz Anfang Dezember, in der Komprimierung viermal so effektiv sein wie MPEG-2, was bei DVD und digitalem Fernsehen verwendet wird. Diese Zahl hört man auch öfters bei anderen Verfahren, die auf MPEG-4 beruhen (etwa Divx). Man mag an Wunder glauben oder nicht, jedenfalls hat noch niemand DVD-Bildqualität mit 768 kBit/s demonstriert, erst recht nicht zusammen mit 5.1-Ton. Vollends unglaubwürdig wird es aber, wenn es stimmt, wie Windows-Media-Vice-President Will Poole in EE Times zitiert wird: "Die Studios könnten sämtliche Folgen von 'Der Pate' … auf einer CD unterbringen." Wenn er nicht falsch wiedergegeben wurde, ist das – mit Verlaub – Unsinn. Denn alle drei "Godfather"-Filme sind zusammen exakt 544 Minuten lang (US-Videofassungen). Das macht eine Datenrate von weniger als 200 kBit/s für Bild und Ton und einen ziemlich schlechten Eindruck: Berauscht von der eigenen Genialität wissen manche Leute wohl nicht mehr genau, wovon sie reden. Selbst wenn Corona wirklich gut ist, wird man eher zehn CDs für alle drei Filme brauchen, und dann immer noch auf Bonus-Material verzichten müssen.
Zentrales Element der Microsoft-Strategie ist der DVD-Player. Auf ihm sollen Discs aller Art, egal ob CD oder DVD, laufen, die Inhalte nach Corona-Standard enthalten – vorbespielte Filme, eigene TV-Mitschnitte oder Camcorder-Aufnahmen, Musik oder was auch immer. Zu diesem Zweck hat sich Microsoft mit den fünf führenden unabhängigen Herstellern von Decoder-Chipsätzen zusammen getan, die versprechen, Corona mit ihren kommenden Produkten zu unterstützen. Angeblich, so EE Times weiter, stellen diese Fünf rund 90 Prozent aller Decoder für DVD-Player her. Wie viele Chipsätze aus diesen Firmen aber tatsächlich ab Ende 2002 Corona-tauglich sein werden, das muss offen bleiben. Aber natürlich ist es so, dass zum Beispiel ESS mit der Integration von MP3 in die Audio-Decoder sehr gute Erfahrungen gemacht hat und man nun händeringend nach ähnlichen Attraktionen sucht. Ein erster Schritt in Richtung Microsoft ist die nun bei einigen Herstellern geplante Integration von Window Media Audio (WMA) in die Decoder. Durch die zahllosen PCs, die dann ab nächstem Jahr Corona-tauglich sein sollen, soll praktisch jeder selbst erzeugte und gebrannte, herunter geladene oder empfangene Content über die kommenden DVD-Player ins Wohnzimmer gelangen.
Auch die X-Box spielt hier natürlich eine wichtige Rolle. Irgend wann bald nach offiziellem Corona-Start wird es ein Update für die Spielekonsole geben, damit sie ebenfalls alle Inhalte wiedergeben kann, die dem Standard entsprechen. Nachdem Microsoft die Konsole als HDTV-tauglich bezeichnet hat, darf man damit rechnen, dass auch 720p-Filme auf der X-Box laufen werden, genauso 5.1-Töne im 96/24-Standard und mehr. Man habe Großes mit der Kiste vor, hatte MS-CEO Steve Ballmer bereits vor Wochen angedeutet: Sie könne eine Art Entertainment-Hub werden, also ein zentraler Knotenpunkt für alle Arten von Unterhaltung im Wohnzimmer. Microsoft habe sie aber als Spielekonsole gestartet, weil Spieleentwickler Software nur für Spielkonsolen, nicht für Entertainment-Hubs schreiben.
Auch vorbespielte Software
würden die Microsoft-Strategen gerne im Corona-Format sehen. Die Gespräche mit den Rechteinhabern, also Studios oder Labels, seien aufgenommen worden. Die Frage ist freilich, ob man dort gerade Bedarf an neuen Formaten hat. Immerhin kann Microsoft als Erfolg verbuchen, dass die Firma von einer Arbeitsgruppe des DVD-Forums eingeladen wurde, Corona als möglichen Standard für DVDs mit HDTV-Bildern vorzustellen (es ist relativ wenig bekannt, dass der blaue Laser nur entscheidend für DVD-Recorder mit höherer Kapazität ist; mit MPEG-4-Varianten könnte man durchaus 720p- oder vielleicht sogar 1.920x1.080-Bilder auf Dual-Layer-Discs von heute unterbringen, weshalb der Standard hier noch offen ist).
Der Download von Filmen und Musik
ist schließlich weiteres wichtiges Einsatzgebiet für Corona. Hier hat Microsoft schon heute dank der weiten Verbreitung von Windows Media einen Fuß in der Tür; und man hat ein funktionierendes "Digital Rights Management"-System, das die Zugangsberechtigung und das Kopieren regelt. Schon aus diesem Grund greifen Dienste wie etwa Europe-Online zu Windows Media, wenn es um Video-on-demand geht. In den USA ist das Joint Venture Movies.com erste Adresse für diese Idee, denn es vereint die beiden Studios Walt Disney und 20th Century Fox, die für Microsoft-Ideen aufgeschlossener sein dürften als die Konkurrenz bei MovieFly (MGM, Paramount, Sony, Warner, Universal).
Alles in allem: Keine schlechte Ausgangsbasis für Microsoft, denn eine komplette Strategie dieser Art und die dafür notwendigen technologischen Bausteine kann eigentlich sonst niemand aufweisen.

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3. Die Stärke von Microsoft ist aber gleichzeitig die offene Flanke: Keine Branche von der Größe der Musik-, der Film- oder der Unterhaltungselektronik-Industrie wird sich freiwillig, sehenden Auges und ohne Not in die Hände einer Firma wie Microsoft begeben. Mit viel Geld und dem Angebot einer breiten Abspielbasis in Form von PCs kann man den Einen oder Anderen locken und eine geschlossene Front verhindern. Aber dass nun alle mit Hurra den MS-Bandwagon entern, ist nicht zu erwarten.
In der Musikindustrie hat Microsoft nun eher schlechte Karten, weil der eine Teil (MusicNet) bewusst ein andere Download-Format gewählt hat, und die eigenen Partner Sony und Vivendi mittlerweile anderen Interessen nachgehen; Sony wird noch im Frühjahr eine große MP3-Offensive starten, nachdem man nun als letzter Hersteller ohne das populäre Internet-Format dasteht.
In der Filmindustrie und im Breitbandkabel stehen die Chancen für Seattle besser, vor allem, weil die Claims noch nicht so abgesteckt sind. Vor allem im Film-Download gibt es gute Chancen. Dass Microsoft aber bei der High-Definition-DVD zum Zuge kommt, darf man weitgehend ausschließen. Die Mitglieder des Forums achten eifersüchtig darauf, dass jeder aus ihrem Kreis bei den Lizenzen zum Zuge kommt – und Microsoft gehört gar nicht dazu.
Die X-Box könnte
sich als wichtigster Baustein im neuen Microsoft-Gebäude herausstellen. Denn von der Festplatte bis zur Vernetzung hat die Kiste alles, was man braucht. So ist gut vorstellbar, dass sie zur Abspielstation für jede Art von Inhalten wird, die über PC, Internet oder Breitbandkabel ins Haus gelangen. Bei den DVD-Playern muss man die Bereitschaft, Corona zu integrieren, wahrscheinlich etwas tiefer hängen: Die Hersteller werden, so technisch möglich, die Fähigkeit, MPEG-4-Dateien wiederzugeben einbauen und bei dieser Gelegenheit auch die Microsoft-Variante nicht auslassen; aber genauso wird es dann möglich sein, Divx oder andere Formate abzuspielen. Und bei Audio kommt es angesichts der jetzt schon vorhandenen Vielfalt auf ein paar mehr Algorithmen nicht an. MPEG-2-Mehrkanalton ist auch in vielen Geräten drin, geholfen hat es der Norm gar nichts.
Und die Antwort von Sony? Die Attacke von Microsoft hat ihre Vorteile, denn Sonys Tendenz, eigene Wege zu gehen, schwindet. Die Japaner suchen vielmehr, mehr als früher, Verbündete und gemeinsame Standards. So erscheint nun sogar wieder eine Verständigung auf einen gemeinsamen Standard bei der DVD mit blauem Laser möglich, denn auch Panasonic hat nach dem DVD-RAM-Desaster nur noch wenig Lust auf Alleingänge. Bei der Aufzeichnung von Standard-Video setzt Sony auf die vorhandenen Standards DVD-Video und DVD-Video-Recording, beide abgesegnet vom DVD-Forum. Auch ein RW-Camcorder, dessen Aufnahmen am PC oder im DVD-Recorder nachbearbeitet werden können, scheint bei Sony in der Pipeline. Das heißt auch, dass man vorläufig an MPEG-2 als Videostandard festhält. Nicht nur Sony, auch Philips sieht hier noch viel Spielraum für Verbesserungen – daher auch das Bündniss mit TiVo, denn diese Firma verfügt über viel Know-how bei der Codierung.

So kommt's dann: So wie heute ein Bildbearbeitungs-Programm jede Menge Formate von GIF über JPG bis BMP lesen kann, wird die AV-Hardware der Zukunft auch eine Menge Normen im Speicher haben – darunter natürlich auch die, die Microsoft zu etablieren versucht. Aber beherrschen werden Gates, Ballmer und Co die Branche nicht. Denn, um zum Anfang zurück zu kehren: Es gibt schöne Produkte, ob Schuhe oder Filme oder Musik, es gibt Schuhländen oder Sender oder Gerätehersteller, es gibt Kunden für alle schönen Produkte. Nur: Wer mag es schon, wenn sich der Hersteller des Schuhlöffels benimmt, als gehöre ihm der ganze Laden?

Sony Vaio in Japan: Braucht wenig Platz, und
wenn die Tastatur hochgeklappt ist, sieht man nur
noch den Bildschirmrand mit der Uhr.

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