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Archiv: Elektronisches Kino
Kino 2000
Der folgende Text stammt aus audiovision 3/99; er gibt den Stand von Ende März 1999 wieder. Seither sind einige Filme, darunter auch Disneys "Tarzan", elektronisch gezeigt worden. "The Last Broadcast", von dem im Text die Rede ist, hatte in Cannes Europa-Premiere.
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Das Problem: Die Kosten
Elektronisches Kino in Potsdam
Elektronisches Kino im Internet
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Der prinzipielle Aufbau der elektronischen Vertriebskette für das Kino: Vom Playout-Center (links) gelangen die Daten über Satellit in die Kinos und werden dort auf Band oder Festplatte gespeichert (Zeichnung: Cybercinema). |
Der 18. Juni 1999 wird in die Kinogeschichte eingehen. An diesem Tag will George Lucas das elektronische Kino Wirklichkeit werden lassen - ein Kino, in dem kein Film durch den Projektor rattert, sondern das Bild als digitales Signal angeliefert und von einem Videoprojektor auf die Leinwand geworfen wird. Ganz wie in besseren Heimkinos. Und im nächsten Jahrtausend wird man sagen, daß es "The Phantom Menace", der neue "Star-Wars"-Film war, mit dem die Umstellung der Kinos auf Elektronik begonnen hat. Dabei ist das gar nicht wahr.
Der erste Spielfilm, der komplett ohne Film gedreht und vorgeführt wurde, heißt bezeichnenderweise "The Last Broadcast". Produziert haben den Thriller die beiden Nachwuchsfilmer Stefan Avalos und Lance Weiler. Zwischen der Optik der Kamera und der Projektionslinse existiert "The Last Broadcast" nur digital, denn die Aufnahmen entstanden mit DV-Camcordern, wurden auf Digi-Beta nachbearbeitet, über Satellit zu den Kinos geschickt und dort mit Projektoren der englischen Firma Digital Projection vorgeführt. Sogar das Storyboard wurde nicht gezeichnet, sondern bestand aus Digital-Schnappschüssen.
Den Anstoß zu dieser "neuen Revolution" (Weiler) gab allerdings das Budget. Der Film, den die beiden vorher gedreht hatten, verschlang 200.000 Dollar, eine vergleichsweise lächerliche Summe für einen Spielfilm. "Aber im wirklichen Leben immer noch verdammt viel Geld", sagt Weiler. Für die elektronische Produktion mußten sie exakt 900 Dollar aufwenden davon 155 Dollar für Verpflegung. Zugute kam ihnen dabei, daß sie Camcorder, Videoschnittplatz und weiteres Equipment bereits ihr Eigen nennen konnten. Arbeitszeit wurde auch nicht berechnet und bezahlt.
So konnte die Autoren bereits nach einer Woche im Mai melden, daß das Einspielergebnis die Kosten um 560 Prozent übertroffen habe. Und zwar nur in einem Kino in Pennsylvania, woher Avalon und Weiler kommen. Die richtige Premiere fand am 23. Oktober statt: Über Satellit wurde der Film an fünf Kinos weitergeleitet, was bereits als "nationwide release" gilt, als USA-weite Veröffentlichung. Zusammen mit der Produzentin Esther Robinson gründeten die beiden dafür eine eigene Firma, "Wavelength Releasing".
Elektronisches, digitales Kino liegt also in der Luft, und es ist kein Zufall, daß sich George Lucas wieder mal an die Spitze der Bewegung setzt. Schon die ersten "Star Wars"-Folgen schöpften als erste Filme die damals noch recht neue Technik namens Dolby Stereo voll aus. Heute noch glauben viele Kinogänger, es hätte vorher kein Dolby gegeben. Mit den THX-Normen fürs Kino und Zuhause und mit seiner Trickschmiede Industrial Light and Magic war Lucas immer dabei, wenn es neue Techniken fürs Kino zu entwickeln gab. Gleichzeitig mit der Ankündigung der elektronischen Premiere für "The Phantom Menace" verlautete im März auch von THX, daß dort eine Norm für digitale Kinos in Vorbereitung sei.
Videoprojektoren haben in den letzten Jahren so große Fortschritte gemacht, daß sie nun an die Kinotür klopfen können. Führend ist dabei Hughes-JVC mit dem ILA-Prinzip, einem spiegelnden LCD, das von einer Bildröhre gesteuert wird. Die Konkurrenz kommt von Texas Instruments und benutzt das DLP-Prinzip der kippenden Mikrospiegel. Das Topmodell bei Hughes-JVC heißt ILA 12K, wobei die Zwölf für 12.000 Ansi-Lumen steht; der hellste und schärfste DLP-Projektor ist zur Zeit der 7gv von Digital Projection, wobei auch hier die Zahl der Ansi-Lumen-Tausender beziffert. Der 8gv kommt demnächst, aber die Krone der Schöpfung ist der "DLP Cinema"-Projektor von Texas Instruments selbst, der Mitte März auf der "Showest"-Ausstellung in Las Vegas Premiere hatte. Für ihn geben seine Erbauer sogar 13.000 Ansi-Lumen an. Mit zwei ILAs und zwei DLPs will auch George Lucas seine elektronischen Premieren starten. Die entscheidenden Kriterien beim Vergleich solcher Geräte mit 35-mm-Film sind:
- Bildschärfe; hier bescheinigt man normalerweise dem Film eine Auflösung von rund 4.000 mal 2.000 Bildpunkten (eigentlich richtiger Linien mal Zeilen, weil es ein analoges Medium ist). Davon sind die Projektoren und auch die digitalen Speichermedien noch weit entfernt: Der ILA 12K bringt 2.000 mal 1.280 Pixel, der DLP Cinema nur 1.280 mal 1.024. Allerdings: Die hohen Werte erreicht der Film nur in der ersten Generation; die fünfte oder sechste Kopie, die im Kino zu sehen ist, liegt bei weniger als der Hälfte der ursprünglichen Schärfe und damit nicht über dem DLP-Projektor.
- Die Helligkeit; beide elektronischen Projektoren arbeiten mit den gleichen Lampen wie Filmprojektoren. Ihr Wirkungsgrad ist etwa gleich (ILA) oder etwas besser (DLP) als der eines Filmprojektors. Es lassen sich also die gleichen Leinwand-Diagonalen wie bisher erreichen.
- Der Kontrast: Hier hat der Film noch die größten Vorteile. Sein Kontrastverhältnis liegt bei 1.500 :1, während Texas Instruments mittlerweile 800:1 erreicht haben will und Hughes-JVC sogar 1.000:1 angibt. Schwachstelle ist dabei vor allem die elektronische Speicherung, die solche Kontrastumfänge nicht liefert. Der Film kann also bei wirklich dunklen Szenen noch etwas harmonischer, abgestufter sein.
- Die Farben; der Farbumfang des Kinofilms ist höher als der von Video, womit nur rund 90 Prozent der natürlichen Körperfarben erreicht werden. Da beide Projektortypen nicht wie Fernseher durch Phosphor im Farbumfang beschränkt werden, liegt es nur an der Filmabtastung. Wird die entsprechend angepaßt, kann die Farbdarstellung dem 35-mm-Film entsprechen (Zeichnung: DemoGraFX).
Die Technologie der Projektoren ist Film ebenbürtig. Das bestätigten auch Besucher eines Shoot-out zwischen einem ILA-, einem DLP-Cinema- und einem Filmprojektor, der auf der Showest stattfand. "Den einzigen Unterschied zwischen Film und Elektronik konnte ich daran feststellen", sagt Martin Cohen, Chef der Nachbearbeitung bei Spielbergs Dreamworks SKG, "daß der Film dieses gewisse Zittern hatte und die anderen nicht."
Die Zeit ist also reif, in den Kinos das Medium zu wechseln. Die bisherige Art des Filmvertriebs hat auch zu viele Nachteile: Die Kopien von 35-mm-Film sind teuer, verschleißanfällig und danach zu nichts zu gebrauchen. Sie lassen sich nur unter perfekten Bedingungen lagern, müssen per Kurier verschickt werden, und gelegentlich geraten sie in falsche Hände, sprich in die von Videopiraten. Mit der Übertragung per Satellit wäre das fast kostenlos, schnell und auch viel besser gesichert. Vorschläge für eine Verschlüsselung von Kinofilmen haben unter anderem Macrovision, DemoGraFX und Qualcomm gemacht.
Nur: Im Augenblick kann noch niemand sagen, wie der Umstieg erfolgen soll. "Es sieht so aus, daß wir die Kosten tragen sollen", wettert William F. Kartozian, Präsident der amerikanischen National Association of Theater Owners (NATO), "aber die Studios die Vorteile davon haben." Die Filmfirmen halten dem entgegen, daß die Elektronik den Kinos neue Einnahmequellen ermögliche, etwa Sportübertragungen. Und daß sie viel schneller reagieren könnten, wenn zum Beispiel ein Film in zwei Sälen gezeigt werden soll eine Digital-Duplikat ist schneller gezogen als ein neue Filmkopie herbeigeschafft.
Der Streit wird nicht lange dauern: Je größer der Kostendruck auf die Studios, umso eher werden sie sich zu Vergütungen an die Kinos bereit zeigen. Und nach dem 18. Juni werden Kinogänger in aller Welt wissen: Das Kino des nächsten Jahrtausends ist digital.
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Das Problem: Die Kosten
Auch wenn die Technik für elektronisches Kino relativ schnell verfügbar wäre, liegt das wichtigste Problem jedoch woanders: bei den Kosten. Denn derzeit tragen die Filmvertriebe die gewaltigen Kosten für die Distribution, sie würden also am meisten sparen. Andererseits gingen die Kosten für die Umrüstung auf Elektronik zulasten der Kinobetreiber. Die Summen, um die es geht, sind riesig: Eine Filmkopie kostet zwischen 3.000 und 5.000 Mark, und in den USA sind Starts mit 4.000 Kopien keine Seltenheit. Macht unterm Strich bis zu 20 Millionen allein für die danach unbrauchbaren Filmrollen. Andererseits muß ein Kinobesitzer mit mindestens 200.000 Mark pro Kinosaal rechnen, der mit digitaler Projektion bestückt werden soll. In der Anfangsphase müßten die Videoprojektoren auch neben den konventionellen 35-mm-Geräten stehen, da es nicht genug Programme elektronisch geben wird. Einzelne Firmen haben bereits Finanzierungsvorschläge gemacht und wollen sogar direkt investieren. Das stößt aber bei den Filmstudios auf erbitterten Widerstand. Sie wollen nicht zulassen, daß irgendwelche Zwischenhändler eine Machtposition erringen, die es ihnen noch schwerer machen als bisher, ihre Filme zu den Wunschterminen auf die Leinwand zu bringen. Im Hintergrund sind natürlich auch die Lobbyisten zu bewundern: Zu der Verliererseite gehörte vor allem Kodak, weil das Filmmaterial vor allem von diesem Konzern kommt. Neben den bereits heftig engagierten Firmen Texas Instruments und JVC darf man damit rechnen, daß auch Sony bald eigene Geräte vorstellen wird wahrscheinlich ebenfalls auf Basis der Mikrospiegeltechnik.
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Elektronisches Kino in Potsdam
In Babelsberg, beim Europäischen Filmzentrum, ist ein Projekt angesiedelt, das sich Cybercinema nennt oder auch "Europäische elektronische Agora" nach der Versammlungsstätte der griechischen Demokratien. Finanziert vom in Medienfragen stark engagierten französischen Mischkonzern Vivendi arbeitet hier ein Team an der Realisierung des elektronischen Kinos, das auch als Versammlungs-Zentrum,Videokonferenzraum oder ähnliches dienen soll. Geplant ist, von einem Cyber-Center aus schon in der Anfangsphase rund 1.000 Kinos zentral mit Filmen zu versorgen, die über Satellit verbreitet und lokal auf Band oder Festplatte gespeichert werden; nächstes Jahr soll der Start mit 200 Kinos gewagt werden. Die Orte dafür sollen vor allem in Klein- und Mittelstädten sein, die vom aktuellen Kinoprogramm weitgehend abgeschnitten sind. Dank der zentralen Programmierung entfällt ein Großteil der Arbeit für die lokalen Betreiber von der Filmauswahl bis hin zum Versand der Kopien. Das Center kümmert sich um die Filmrechte, um die Synchronisationen für die verschiedenen europäischen Regionen, die Digitalisierung und Encodierung. Auch soll den einzelnen Cyber-Cinemas bei der Buchhaltung geholfen werden. Die Technik der elektronischen Kinos wird derzeit in Babelsberg erprobt, ein erster Versuch fand im Oktober 1998 statt. Dabei wurden Kinderfilme in neun europäischen Städten vorgeführt, von Ivalo (Lappland) über Hannover bis San Remo. Die Abtastung der Filme soll in HDTV erfolgen und zwar exakt mit vierfacher Auflösung von digitalem Fernsehen (also 1.440 mal 1.152 Pixel), so daß für die Verarbeitung und Übertragung Standard-Komponenten nach DVB-Standard verwendet werden können. Bei Bedarf lassen sich auch normale HDTV-Signale mit 1.920 x 1.152 Pixel bei 50 Hertz (Halbbilder) oder Vollbilder mit 1.920 x 1.080 bei 24 Hertz einsetzen. Die Datenrate liegt bei üppigen 32 Mbit/s, was pro Film eine Datenmenge von rund 40 Gigabyte ergibt. Aus Kostengründen speichert man die Filme daher auf Band, und zwar einem Sony-Digitalrecorder (DTF). In jedem Kino sollen bis zu zehn Filme vorrätig gehalten werden, die natürlich auch mehrere Sprachversionen in digitalem Surround (5.1) aufweisen.
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Elektronisches Kino im Internet
Wer sich von Deutschland aus über elektronisches Kino informieren will, findet im Internet zahlreiche Quellen. Unsere wichtigsten für diesen Report waren:
http://www.hjt.com
- das ist die Homepage von Hughes-JVC, der Hersteller der ILA-Projektoren. Viel interessantes Material.
http://www.ti.com/dlp
- die Homepage der Konkurrenz, also von Texas Instruments mit einer Übersicht über die DLP-Geräte und die Technik; bis Mitte 1998 sehr gut, seither wenig gepflegt.
http://www.digitalprojection.com
- die Briten von Digital Projection stellen vor allem ihre Geräte in den Mittelpunkt.
http://home.earthlink.net/~demografx/about.html
- die Homepage von DemoGraFX, deren Chef Gary Demos sehr pointierte Ansichten über HDTV und elektronisches Kino hat.
http://www.cybercinema.de (nicht mehr aktiv)
- die Homepage vom Cybercinema-Projekt in Potsdam
http://www.voicenet.com/~lenzz/lastbroadcast (nicht mehr aktiv)
- die Internet-Seite von "The Last Broadcast"; viel über Film und Technik.
http://www.thx.com/press/e_projectors_release.html
- die Ankündigung des THX-Standards für elektronisches Kino.
http://www.starwars.com/episode-i/news/1999/10/digital.html
- Hintergrund-Infos zur elektronischen Premiere von "The Phantom Menace".
http://web-star.com/hdtv/hdtvnews.html
- HDTV-Newsletter mit gelegentlichen Hinweisen auf Filmthemen.
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