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Hintergrund DVD-Audio Aufstieg und Fall eines Hoffnungsträgers: Nun ist die DVD-Audio genau darüber gestolpert, was eigentlich ihr größter Pluspunkt sein sollte, der Schutz vor illegalen Kopien. Doch der Reihe nach. Zuerst wollte keiner die DVD-Audio haben, zumindest nicht in der Musikindustrie. Denn trotz gewisser Einbußen im CD-Business glaubte keiner der Plattenbosse, dass eine wie auch immer gesteigerte Qualität den Markt beleben könnte. Den Wandel brachte dann die Diskussion um MP3, CD-Brenner und digitale Kopien insgesamt. Hier konnten die Erfinder der DVD auf ihre umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen hinweisen, die Raubkopien auszuschließen schienen. Und so entwickelten zwei Lager Begeisterung für das neue Format, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen: Zahlreiche Gerätehersteller möchten DVD-Audio die Nachfolge der CD antreten sehen, um damit endlich die lästigen Gebührenzahlungen an Philips und Sony, also an die direkte Konkurrenz, loszuwerden. Und die Plattenbranche möchte DVD-Audio, um die digitale Weiterverbreitung ihrer Musik zu stoppen. Insofern trifft es die Software-Seite hart, wenn nun klar ist, dass auch die DVD-Sicherheitsvorkehrungen keinen dauerhaften Schutz bieten. Für die Hardware-Seite ist es verständlich, dass nun nach einem neuen System verlangt wird. Schließlich haben die Erfinder von CSS, dem nun geknackten Content Scrambling System, zugegeben, dass es sich hier nur um eine milde Verschlüsselung handelt. Branchenbeobachter aus der Datenverarbeitungs-Ecke sagen sogar: Der Crack war zu erwarten, denn effektive Sicherheitsmaßnahmen dürfen nicht aus den USA exportiert werden - sie gelten als militärisch nutzbare Technologien, da die US-Army sonst den feindlichen Funkverkehr nicht mithören kann. Die US-Gesetze erlauben nicht mehr als 40 Bit für die Verschlüsselung, und die wurden bei CSS (DVD-Video) wie bei CSS2 für DVD-Audio genutzt. Maßgeblich bei der CSS-Entwicklung waren neben Panasonic die amerikanischen Firmen IBM und Intel. Eben weil DVD-Audio für alle japanischen Konzerne - außer Sony natürlich - so wichtig ist, stoppen sie nun das System lieber, als einen Flopp zu riskieren. Die Verschlüsselung nachträglich noch aufzupeppen, kommt nicht in Frage. Denn sonst würde die nun produzierten Player irgendwann einmal neue Platten nicht mehr abspielen können. Am weitesten war mit dem Systemstart Panasonic, wo Anfang Dezember in den Niederlassungen erste Muster eintrafen, die bereits der Serie entsprachen. Bereits gemasterte Software dagegen dürfte nicht wertlos werden. Denn es ist anzunehmen, dass die zukünftigen Player auch CSS können werden. Soweit sie Geräte für Audio und Video gleichermaßen sind - und das waren alle angekündigten Player - muss diese Decodierung sowieso für DVD-Video vorgesehen sein. Die Plattenfirmen müssen nun nur entscheiden, ob sie mit dem niedrigeren Sicherheitsstandard von heute vorlieb nehmen, oder auf das neu entwickelte System warten wollen. Mindestens sechs Monate soll es insgesamt dauern, bis Geräte für die verbesserte Verschlüsselung im Handel sein werden. Etwas ist freilich noch zu bemerken: Die Verzögerung ist nicht allein durch die Sicherheitsproblematik bedingt. Denn auch der Klang ist noch nicht so, wie er sein sollte. Verantwortlich ist dafür nicht CSS, sondern das digitale Wasserzeichen, also ein Code im Signal, der den Urheber kenntlich machen soll - und möglicherweise auch den Raubkopierer. So lange sich ein solches Wasserzeichen nur im digitalen Signal verbirgt, ist das noch relativ unproblematisch. Tatsache ist aber, dass diese Kennzeichnung so robust sein soll, dass sie selbst mehrfache Kopiervorgänge und Umcodierungen überstehen soll. Das aber beeinträchtigt möglicherweise auch die Tonqualität. Zumindest haben dem Vernehmen nach etliche Plattenstudios bemängelt, dass die Qualität mit Wasserzeichen lange nicht so gut sei wie ohne. Das würde aber den Ruf des neuen Systems so nachhaltig schädigen, dass die Hersteller lieber auch hier nochmal nachlegen, bevor sie ihr System dem Ruf aussetzen, schlecht zu klingen. Wer sich in High-endigen Kreisen umhört, weiß, dass sich das niemand erlauben kann. Und ein zweiter Grund, warum die Verzögerung den Herstellern ganz lieb sein dürfte: Die Presswerke sind derzeit mit Aufträgen für DVD-Video vollends ausgelastet. Wer heute DVD-Audio fertigen lassen will, muss einen heftigen Aufschlag zahlen. Die Videofirmen nehmen das in Kauf, um beim Boom mitzuhalten. Bei DVD-Audio ist aber noch kein solcher Boom in Sicht. Daher wartet man mit der Fertigung größerer Stückzahlen lieber noch so lange, bis sich hier die Lage entspannt hat - und die Preise etwas vernüftiger sind. Das alles beantwortet natürlich nicht die eine, entscheidende Frage: Braucht man DVD-Audio überhaupt? Die großen japanischen Hersteller hätten es gerne, die Plattenfirmen auch, aber die Verbraucher? Denn die Anzahl der Kunden, die sich über mangelnde Tonqualität bei der CD beschwert haben, ist doch verschwindend klein. Deswegen wird damit argumentiert, dass auf DVD-Audio auch Mehrkanalmusik möglich ist. Richtig, aber: Wie viele Aufnahmen aus der aktuellen Musikproduktion werden fünf- oder sechskanalig abgemischt? Wenn es ein Prozent ist, sind es viel. Und wer soll den Mehraufwand im Studio bezahlen? Dann gibt es noch die interaktiven Zusatzfeatures, etwa Videoclips, Text- und Grafikeinblendungen. Bestimmt ganz nett, aber reichen wird das nicht. Denn Musik lebt von der Musik, nicht von interaktiven Gimmicks. Meine Meinung: So lange DVD-Audio-Hardware nur zehn Mark mehr kostet als CD-Technik, wird es ein Nischenprodukt bleiben. Falls die Hersteller ihre Probleme überhaupt vernünftig in den Griff bekommen. Wenn nicht, dann steht für die audiophilen Kunden immer noch die Super-Audio-CD von Sony und Philips bereit. Die war zwar eigentlich nur die Antwort auf DVD-Audio. Aber man kann sie jetzt schon kaufen.
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